Schatz im Wald
Deutschland ist ein rohstoffreiches Land. Nur wissen die meisten nichts
von dem gigantischen Schatz und wie sie ihn nutzen könnten. Zum Tag des
Baumes am 25. April [2005] erinnerte das Statistische Bundesamt daran,
dass der gesamte Vorrat "auf dem Stamm" Ende 2003 im deutschen Wirtschaftswald
"ein Volumen von knapp 3,1 Milliarden Kubikmeter und einen geschätzten Wert
von 72,7 Milliarden Euro" umfasste. Dieses Holzgebirge wächst munter weiter,
die jährliche Entnahme beträgt nur knapp 72 Prozent des Zuwachses. Sogar die
extreme Trockenheit im Jahr 2003, vielfach als Ursache erneuten "Waldsterbens"
gedeutet, hat die wuchsfreudigen Bäume kaum beeindruckt. "Gegenüber dem Jahr 2002
war der wirtschaftlich nutzbare Holzzuwachs nur um 0,2 Prozent niedriger",
konstatieren die Statistiker des Bundesamtes.
Auch das ökologisch erwünschte Verrotten ungenutzter Bäume in Naturschutzgebieten
stoppt das Anschwellen des Nutzholzvorrats nicht. Die gesamte Waldfläche wächst
nämlich stetig. Erstaufforstungen kompensieren, was der Naturschutz der Nutzung
entzieht. Somit blieb für die Forstwirte die verfügbare Waldfläche "nahezu unverändert",
errechnete das Bundesamt. [...]
Die Realität ist jedoch wesentlich trister als die Raumrechnungen der Holzforscher.
So beklagte die deutsche Sägeindustrie am 22. Februar in einer Pressemitteilung
das "unzureichende Rohstoffangebot" hierzulande, vor allem bei Fichtenstammholz
und Buche. Es passe nicht zusammen, wenn auf "die hohen, unausgeschöpften
Rohstoffpotenziale verwiesen wird und Sägewerke wegen unzureichender Versorgung
ihre Produktion reduzieren müssen", monierte der Verband der deutschen Säge-
und Holzindustrie (VDS). [...]
Trotz Rekordreserven ist Deutschland Nettoimporteur von Holzprodukten. Vor allem
die Einfuhr von Möbeln, Holzschliff, Zellstoff und Altpapier schlägt mengenmäßig
stark zu Buche. Die heimische Zellstoffindustrie wurde durch Umweltauflagen ins
Ausland vertrieben und muss jetzt mühsam wieder aufgebaut werden. Mit einer
"Charta für Holz" versucht die Bundesregierung die Nutzung anzukurbeln und das
Image von Holz aufzupolieren, insbesondere beim Bauen und Heizen. Recht so, denn
Schweden und Österreicher nutzen viel mehr Holz pro Einwohner als die Deutschen.
Doch Streit über die Zertifizierung von Ökoholz und ein geplantes "Urwaldschutzgesetz"
entzweien Forstwirtschaft und Politik. Trotz Charta sind Kalamitäten absehbar:
Der alte und hohe Baumbestand steigt. Damit bieten die Wälder fatale Angriffsflächen
für Stürme.
Hans Schuh, DIE ZEIT 28.04.2005 Nr.18
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